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Kopf-Hals-Haltung

Kopf-Hals-Haltung - Ein paar Gedanken dazu

Ja wo soll er denn nun hin der Kopf? Was ist denn nun die richtige Kopf-Hals-Haltung? 

Rauf, runter, in Dehnung, in Aufrichtung, gestellt, oder wie, oder was?

In dieser ganzen „Diskussion“ über die richtige Kopf-Hals-Haltung fehlen mir ein paar Aspekte, die dazu nicht berücksichtigt werden.

Viele Reiter sind mittlerweile wirklich verunsichert. 

Die eine Fraktion sagt auf gar keinen Fall in Dehnungshaltung, oder vorwärts-abwärts. 

Da wird hoch aufgerichtet. 

Eine andere Fraktion wiederum rollt oder reitet zu eng, der Hals wird gestellt und gebogen auf Teufel komm raus.

Gerade in den ersten Terminen werde ich daher öfter gefragt, wie ich denn zu diesem Thema stehe. 

Denn eigentlich möchte kaum ein Reiter einen Fehler machen und seinem Pferd schaden.

Ich finde die teils schon fast dogmatischen Betrachtungen sehr schade. 

Manche Reiter und Pferde  kommen vom Regen in die Traufe. 

Erst reiten sie bspw. fast nur mit tiefer Kopf Hals Haltung oder gar viel zu eng und dann plötzlich darf der Kopf auf keinen Fall zu tief getragen werden. 

Am Ende sind die Leidtragenden die Pferde.

Aussagen wie: „das Pferd kann den ganzen Tag vorwärts abwärts laufen“ sind da wenig hilfreich.

 

Die Nase des Pferdes sollte immer nach vorne abwärts zeigen. 

Auch in Versammlung mit absoluter Aufrichtung! Das heißt nur, dass die Nase nach vorne vor die Senkrechte genommen ist. 

Dann zeigt sie automatisch immer nach vorne und dabei abwärts. 

Das hat nichts mit der Tiefe des Kopf-Halses zu tun. 
Zeigt die Nase nach hinten unten, ist das Pferd zu eng im Genick. 

Das kann sowohl bei hoher, als auch tiefer Kopf-Hals-Haltung passieren.

 

Bei dieser ganzen Diskussion geht es angeblich darum, dass das Pferd nur dann über den Rücken gehen kann, wenn es den Kopf in einer bestimmten Position hält. 

Die Fronten sind zum Teil richtig verhärtet. 

Alle Seiten beharren darauf, dass nur sie die Wahrheit kennen.
Was stimmt denn nun wirklich? 

Wann kann ein Pferd den nun reell über den Rücken gehen?


Also, wie ist denn nun meine Meinung dazu?

 

Wie so oft: Es kommt ganz darauf an!

Und genau da geht es los, dass gewisse Aspekte nicht berücksichtigt werden.

 

Und diese sind u.a.:

1.       Die Individualität des jeweiligen Pferdes

1.1.   Gemütszustand/Psychische Situation des Pferdes

1.2.   Äußere Reize - Streßfaktoren

1.3.   Ausbildungsstand des Pferdes

1.4.   Ausbildungsstand des Reiters

1.5.   Trainingszustand des Pferdes

1.6.   Gesundheitliche Situation des Pferdes

1.7.   Exterieur des Pferdes

 

2.       Berücksichtigung der Bewegungsorganisation eines Pferdes – Muskelphysiologie

2.1.   Der Kopf eines Pferdes ist im Verhältnis zum restlichen Körper sehr schwer

2.2.   Der Hals eines Pferdes ist im Verhältnis zum restlichen Körper sehr lang

2.3.   Kopf/Hals dienen dem Pferd als Balancierstange

2.4.   Muskulatur die über einen längeren Zeitraum in ein und der selben Haltung trainiert wird ermüdet – Muskelverspannungen sind somit vorprogrammiert.


Ein kleine Aufgabe dazu:

Versuch einmal mit ausgetrecktem Arm eine schwere Einkaufstasche mehrere Minuten zu tragen. 

Achte dabei darauf, dass der Arm immer in der gleichen Höhe und der gleichen Position bleibt. 

Und? 

Wie lange hält man das aus? 

Geht das überhaupt?

 

2.5.   Muskulatur muss dazu in der Lage sein an und abspannen zu können. 

Kann sie dies nicht, arbeitet sie in Dauerkontraktion und wird übersäuern, was wiederum zu Muskelschmerzen und starken Verspannungen führt. 

Muskeln werden eher ab, anstatt aufbauen.


2.6.   Muskulatur benötigt Pausen

 

3.       Trainingsmethoden/-fehler/-ansätze

3.1.   Die Losgelassenheit des Pferdes ist in den Hintergrund gerutscht

 

3.2.   Es wird viel zu viel an Kopf und Hals herummanipuliert

Eine Kopf-Hals-Haltung darf nie erzwungen oder manipuliert werden

 

3.3.   Die Kopf-Hals-Haltung wird zu isoliert und mechanisch betrachtet

 

3.4.   Anlehnung wird nicht vom Reiter erzeugt, sondern vom Reiter angeboten und vom Pferd gesucht.

 

3.5.   Offener Genickwinkel – Ganasche ist nicht geöffnet

Schauen wir uns einmal um in der Reiterwelt und achten darauf, ob das Pferd mit einer offenen Ganasche bzw. einem geöffneten Genickwinkel seinen Kopf hält, dann sehen wir dieses Bild leider sehr selten.
Denn auch in absoluter Aufrichtung kann es sein, dass das Pferd sich eben nicht vertrauensvoll an die Hand „dehnt“, sondern den Kopf oben einstellt und den Genickwinkel schließt.
Die Muskulatur ist in Dauerkontraktion gehalten. 

 

3.6.   Untere Halsmuskulatur ist angespannt
Auch ein typisches Bild, das man oft sieht. 

Die Pferde halten den Kopf/Hals scheinbar in einer tollen Haltung. 

Schaut man aber genau hin, hält das Pferd den Hals über den Unterhals oben.


Hierzu wieder eine kleine Übung:

Spann einmal deinen Unterhals (bei uns ist es die vordere Halsmuskulatur) stark an.

Du wirst merken, dass die Schultern automatisch mit anspannen (fühl einmal genau hin!).

Nach wenigen Minuten wird es sehr anstrengend. 

Das Kinn rutscht automatisch näher an den Hals – Dein Genickwinkel – deine Ganasche ist nicht geöffnet.

Wie lange hältst du es in dieser Haltung aus? 

Wie fühlt sich deine Rückenmuskulatur an?

Und nun öffne dein „Genick“ über deine obere Halsmuskulatur und führe deine Nase leicht nach vorne. 

Deine Unterhalsmuskulatur wird entspannen, dein Rücken positiv aufspannen und es ist wesentlich weniger anstrengend diese Haltung einzunehmen.

 

3.7. Abkauübungen.

Über die Einwirkung des Zügels/Gebisses wird ein Abkauen erzeugt. 

Jedoch wird vergessen, dass ein entspanntes Pferd von alleine abkaut. 

Daher sollte m.E. der Fokus vielmehr darauf gelegt werden, dass das Pferd entspannen kann

Sollte es nicht entspannen können, weil bspw. die Halsmuskulatur fest ist oder die Kiefermuskulatur, wird eine Abkauübung vielleicht kurzfristig einen Effekt zeigen, das Pferd kaut. 

Die Muskulatur ist aber noch lange nicht locker! 

Der Grund sollte gesucht werden und abgestellt werden. 

Dann kaut das Pferd auch von ganz alleine ab.

Außerdem stört mich an der Übung, dass dies über die Einwirkung des Gebisses erzeugt wird. 

Hier muss man schon eine sehr feine Hand haben, damit man dem Pferd im Maul nicht weht tut!

Auch wenn es "nur" über die Maulwinkel erfolgt!

 

3.8.   Die positive Körperspannung fehlt – es wird in eine Verspannung, anstatt positiver Aufspannung gearbeitet.

Schaut man sich einmal in den Reithallen um, egal bei welcher Fraktion, sieht man leider häufig gestresste Pferde. 

Die Augen aufgerissen, die Schweife schlagend, Rücken angespannt, Hälse verspannt.
Auch ein Pferd das jahrelang falsch gearbeitet wurde, kann lernen wieder entspannt und mit locker pendelndem Schweif zu laufen!
Die Ausrede, das Schweifschlagen hat es sich nie abgewöhnt, lasse ich da nicht gelten!

 

Meine Tipps – Empfehlungen

 

Immer dann, wenn etwas stark in eine bestimmte Richtung tendiert, man also von einem Extrem sprechen kann, dann bin ich per se erst einmal skeptisch, ob das denn wirklich so sinnvoll ist. 

Die Wahrheit liegt, wie so oft bei Diskussionen und unterschiedlichen Meinungen irgendwo in der Mitte. 😊

Wenn man dann auch einmal genauer nachfragt oder liest, warum denn der Kopf/Hals nun in diese bestimmte Richtung gehalten werden soll, kommen beispielsweise Aussagen wie: der Rücken muss hoch, das Pferd kann uns sonst nicht tragen, sonst kommt die Hinterhand nicht runter etc…
Das ist mir zu isoliert und zu mechanisch betrachtet.

Meiner Meinung nach wird viel zu viel darauf geachtet wo denn nun der Kopf ist.
Lasst los, trennt euch von dem Gedanken!

Lasst zu, dass die Pferde ihre Köpfe und Hälse wieder als Balancierstange nutzen dürfen. 

Bleibt fein in der Hand, manipuliert nicht daran herum, wo es seinen Kopf denn nun trägt.

Nicht zu eng, nicht zu tief, nicht zu hoch, nicht zu gestellt und nicht zu gedehnt/gebogen. 
Nie mit der Hand in eine Richtung manipuliert. 

Leider sieht man aber genau das sehr oft in der Praxis. 

Die Pferde werden künstlich mit der Hand aufgerichtet. 

Aufrichtung entsteht nach und nach und automatisch! 

Aber niemals durch die Hand.

Lasst los, habt Vertrauen, lernt wieder zu fühlen, ob die Muskulatur wirklich arbeitet. 

Sowohl die Hals, die Rücken oder auch sonstige Muskulatur. 

Spannt sie wirklich an und ab? Oder springt sie eher? 

Oder sieht man womöglich fast gar keine Bewegung der Muskulatur? 

Ist sie fest und hart? 

Dein Pferd womöglich beim Putzen schon irgendwo empfindlich? 

Zeigen sich Bereiche mit stark ausgeprägter Muskulatur und andere Bereiche muskeln gar nicht auf? 

Dann können dies Zeichen dafür sein, dass die Muskulatur nicht physiologisch arbeitet.

Weder zu eng, noch zu tief, noch zu hoch, noch zu gestellt.

Überprüft, ob euer inneres Bild und das von außen gewünschte Bild (andere Reiter, Trainer, etc.) von einer schönen Kopf-Hals-Haltung , wirklich sinnvoll für euer Pferd sein kann!
 
Dehnen in Bewegung ist oft auch schon zu viel.
Nehmen wir hier einmal das Beispiel menschliche Händigkeit. 

Ich bin bspw. Rechtshänder. 

Wenn man nun von mir verlangen würde, dass ich mit links ein ganzes Diktat oder auch nur eine ganze Seite schreibe, wäre ich absolut überfordert. 

Oder, dass ich mit links plötzlich Dinge verrichten soll, die ich sonst mit rechts mache.

Würde man aber nun langsam anfangen, erst nur einen Buchstaben oder ganz kleine Kleinigkeiten mit links zu machen, würde sich zum einen die Muskulatur, aber auch die motorischen Fähigkeiten langsam an die neue Aufgabe gewöhnen.

Genauso ist es auch beim Pferd. Ein rechts hohles Pferd links herum zu arbeiten fällt diesem schwerer. 

Wenn ich dann auch noch direkt erwarte, dass es sich links herum „ordentlich“ stellt und biegt oder gar Seitengänge verrichtet, dann ist das einfach too much.

Die Muskulatur der rechten Seite (Hals etc.) wird ordentlich meckern und schmerzen. 

Die Motorik wird eher gestört als gefördert, denn das Pferd wird versuchen durch Kompensations & Ausgleichsbewegungen dem Ganzen zu entgehen. 

Diese unnatürlichen Bewegungen führen jedoch zu einem pathologischen Gebrauch von Muskulatur, Sehnen, Bändern und Gelenken, was wiederum zu schnellerem Verschleiß führt.

Fange ich aber erst einmal im Stand oder in nur kurzen Sequenzen an das Pferd auf der linken Hand nur leicht gerade zu stellen, dann wird es ihm viel einfacher fallen. 

Damit meine ich, dass das Pferd erst einmal nur seinen Kopf und seinen Hals zwischen den Schulterblättern gerade hält. 

Ohne jegliche Arte der Stellung oder Biegung! 

Und nur maximal im Schritt!

Und dann auch immer nur für kurze Momente und nur so lange, dass das Pferd noch nicht in ein Gegenhalten kommt. 

Das steigert man nach und nach und so lange bis das Pferd und die entsprechende Muskulatur "merkt", dass es sich dehnen kann ohne, dass etwas weh tut!

 

Tut sich ein rechts hohles Pferd das jahrelang gearbeitet wurde noch immer links herum schwer, stell dir einmal die Frage, ob du evtl. schief sitzt, deine linke Schulter zu weit vorne hältst, evtl. links zu viel und „dauerhaft“ ziehst, evtl. rechts nicht genug nachgibst etc. 

 

Im Unterricht erlebe ich immer wieder, dass die Pferde sich plötzlich ganz leicht tun links herum zu laufen, wenn der Reiter in Balance sitzt. 

Sich links ordentlich mit dreht, rechts entsprechend nachgibt und einfach nur das korrekte Bild von links herum an das Pferd schickt. 

Wie von Zauberhand kann das Pferd plötzlich links herum laufen 😊 

 

Weniger ist mehr, das richtige Bild hilft und loslassen sollte als erstes der Reiter, dann klappt es auch, dass das Pferd loslassen kann.


Hier einmal 2 Beispielbilder von Handria.

 

Aufgrund ihrer alten Verletzung im Bereich der Halswirbelsäule hat sie häufig lieber eine tiefere Kopf-Hals-Haltung mit einem langen Hals gewählt. 

Auf dem linken Bild trägt sie ihren Kopf in etwa auf Höhe des Buggelenkes und in der Freiarbeit auf dem rechten Bild leicht oberhalb des Buggelenkes.


Auf beiden Bildern sieht man, dass sie sich in positiver Aufspannung bewegt und, dass sie den Hals über die Oberhalsmuskulatur trägt, die Unterhalsmuskulatur entspannt ist und der Rücken so entsprechend gut schwingen kann. 

Auf beiden Bildern ist die Ganasche geöffnet. 

Ihr Schweif pendelt locker hin und her.

 

Wer Handria kannte weiß, dass sie früher massiv mit dem Schweif geschlagen hat, wenn sie Stress hatte. 😉

 

Mehr über das Thema findet ihr auch unter der Rubrik Impressionen - Beritt