Wenn ich schreien könnte...

 

… würden die Menschen meinen Schmerz vielleicht wahrnehmen… 


Ich habe viele Jahre gelernt Schmerzen zu ertragen und trotz meiner körperlichen Probleme weiter zu laufen. Die Menschen sagen über mich: „Wieso der läuft doch?! So schlimm kann es ja gar nicht sein!“ Doch, ist es aber. Jedoch habe ich keinen Laut um meine Schmerzen zu äußern. Daher leide ich still. Ich ertrage. Täglich.
Wissen Menschen nicht, dass wir Pferde als Fluchttiere unsere Schmerzen möglichst nicht zeigen? Was wären wir für eine leichte Beute.

Nun, so sind wir leichte Beute für Menschen. Für Menschen, die unseren stummen Schreie nicht hören und unser Unwohlsein nicht erkennen. Obwohl es eigentlich schwarz auf weiß auf Röntgenbildern, Ultraschall oder ähnlichem sichtbar ist.

 

Aber nun zu mir:
Die Menschen sagen, dass ich eine gute Abstammung habe und mein Vater ein international sehr erfolgreiches Dressurpferd ist. Von ihm habe ich die Ausstrahlung und die hervorragenden Bewegungen geerbt. Ich bin sehr groß und sehr langbeinig. Als Fohlen konnte ich das Gras nicht erreichen. Nur wenn ich mich „hingekniet“ habe. Meine Beine waren einfach zu lang. Dafür kann ich ganz spektakulär die Beine werfen. Das wollen die Menschen sehen.
Man sagt ich sei sehr talentiert, lerne schnell und sei sehr brav. Man könne alles mit mir machen.

Bereits 3 jährig habe ich die ersten Erfolge auf Turnieren. Wochenende für Wochenende folgen weitere Turniere. Aber ich bin doch eigentlich noch ein Kind. Ich bin ein Schleifenjäger sagen die Menschen und lachen dabei. Das macht mich schon ein bisschen stolz, wenn die Menschen wegen mir lachen. Ich habe sie fröhlich gemacht. Sind es die Schmerzen da nicht wert, dass ich meine Menschen fröhlich mache?
Meine Sehnen und Bänder sind noch viel zu schwach für die Anforderungen. Meine Gelenke leiden schon jetzt unter der Belastung.

Mir tun die Hufe weh. Alles wird gequetscht. Ich vermeide zu langes Auftreten. Schnell die Hufe wieder hoch.
Kennt ihr die chinesischen Mädchen, denen man die Füsse zusammen bindet? Damit diese schön klein und zierlich bleiben? Meine Hufe sind für meine Größe und mein Gewicht auch sehr klein. Es drückt sehr und ich versuche den Schmerz zu vermeiden. Meine Muskeln sind dadurch stark verspannt. Meine Gelenke leiden und die Sehnen und Bänder sind überfordert. Aber ich mache weiter. Jeden Tag.
Hören die Menschen meine stillen Schreie nicht?

Irgendwann sind die Schmerzen dann doch so schlimm, dass ich lahme. Ich halte es einfach nicht mehr aus.

Der Tierarzt spritzt mir ein Mittel gegen die Entzündung und etwas gegen die Schmerzen. Diese werden auch tatsächlich etwas besser.
Jedoch kommen sie irgendwann wieder. Diesmal noch stärker, aber ich habe gelernt sie auszuhalten. Ich leide stumm. So geht es einige Jahre weiter.

Irgendwann sind die Schmerzen so schlimm, dass ich es nicht mehr ertragen kann. Ich lahme wieder und bin „unrittig“ sagt mein Mensch. Die Lektionen klappen einfach nicht mehr so gut wie sonst.
Dann kommt ein anderer Mensch um mich zu untersuchen. Es ist kein Tierarzt. Ein Osteopath sagt mein Mensch. Dieser Osteopath sagt, ich hätte Rückenschmerzen und man solle doch einmal abklären lassen, was die Ursache für meine Rückenschmerzen sind. Also werde ich zur Tierklinik gefahren und ausgiebig untersucht und mein Rücken geröntgt. Die vorderen Hufe und das eine Sprunggelenk gleich mit.
Kissing Spines sagt der Tierarzt und Spat. Hufrolle leider auch. Ich verstehe nur Bahnhof. Das einzige was ich verstehe ist, dass der Tierarzt sagt, meine Sportkariere sei beendet. Ich bin doch erst 12 Jahre alt, sagt mein Mensch. Der Tierarzt schüttelt stumm mit dem Kopf.
Also werde ich wieder in den Anhänger geladen und wir fahren nach Hause.
Habe ich etwas falsch gemacht? Warum ist mein Mensch so traurig? Hätte ich die Schmerzen doch noch mehr verbergen sollen?

Zuhause angekommen werde ich in die Box gestellt. So wie jeden Tag. Tag ein Tag aus. Ich wohne in einer Box mit Paddock. Tagsüber darf ich ein paar Stunden mit meinen Kumpels auf der Wiese stehen. Zum Training geht es dann in die Reithalle oder bei gutem Wetter auf den Platz. Das ist mein Leben. Ungefähr 18 Stunden stehe ich jedoch in der Box mit Paddock. Drehe mich Stunde um Stunde im Kreis. Manchmal gehe ich nach draußen auf das Paddock und schaue in die Weite.

Nach dem Besuch in der Tierklinik bekomme ich wieder Mittel gegen die Entzündung und Schmerzmittel. Diesmal helfen sie aber nicht mehr so gut, wie beim ersten Mal.
Also „trainiert“ man nicht mehr so viel mit mir. Nur noch lockeres Training.

Nach ein paar Wochen kommt plötzlich wieder ein anderer Mensch. Ich werde „Probe“ geritten. Was das bedeutet, weiß ich nicht. Aber ich strenge mich an! Der andere Mensch soll ja nicht denken, dass ich ein Krüppel bin! Nein, ich will gefallen. Ich will es ihm recht machen. Der andere Mensch steigt ab und lacht. Ja genau das wollte ich. Der andere Mensch ist glücklich. Dann bin ich auch glücklich.

Ein paar Tage später werde ich auf einen Anhänger geladen. Der andere Mensch ist auch wieder da. Es werden Hände geschüttelt und dünnes Papier weitergereicht. Geld sagen die Menschen dazu. Ich bin nicht mehr viel Wert. Ich habe jetzt „Befunde“. Daher bin ich nicht mehr viel Wert.
Ich verstehe nicht, warum mein Mensch mich nicht mehr möchte? Ich war doch immer brav! Habe viele Turniere gewonnen und war ein Schleifenjäger. Nun kann ich nicht mehr so gut wie früher. Was habe ich bloß falsch gemacht? Jetzt bin ich nicht mehr gut genug und werde an einen „Freizeitreiter“ abgegeben. Turniere muss ich keine mehr gehen.

Mein neuer Mensch ist nett und behandelt mich gut. Ich komme in einen neuen Stall. Diesmal ohne Paddock davor. Tagsüber darf ich mit den anderen Pferden auf einen Auslauf. Weide gibt es hier nicht so viel. Zu wenig Platz sagen die anderen Menschen.

Ich gewöhne mich schnell ein und bin ganz brav. Ich möchte ja, dass mein neuer Mensch mich mag. Ich möchte gefallen.
Mein neuer Mensch hat noch nicht so viel Erfahrung mit Pferden. Daher kommt noch jemand anderes der mich reitet. Ein Bereiter sagen die Menschen. Ein netter Mensch. Ich bin wieder brav. Lektionen kann ich immer noch ganz gut. Wenn ich ein bisschen schummele merkt niemand, dass ich gar nicht ganz reell die Lektionen laufe. Das habe ich gelernt. Zu schummeln und zu kompensieren. Darin bin ich richtig gut, das habe ich früh gelernt.

Nach ein paar Monaten kommt ein neuer Hufschmied. Ich bekomme andere Eisen als sonst. Der Tierarzt hatte Spezialeisen verordnet. Wegen dem Spat und der Hufrolle.
Nachdem der Schmied weg ist, tut mir alles noch viel mehr weh. Ich kann wieder nicht laufen. Mein Fesselträger schmerzt so unendlich. Mein Bein ist ganz dick und heiß und schmerzt bei jedem Auftreten.
Also werde ich wieder in die Klinik gefahren.
Fesselträgerschaden. Oh je. Was ist das nun wieder? Ich bekomme wieder eine „Trainingspause“ und andere Hufeisen verordnet. Eiereisen sagt man dazu. Diesmal habe ich einige Monate Pause, viel länger, als die letzten Male. Ich darf nur ganz langsam wieder antrainiert werden.

Die Jahre gehen ins Land und irgendwann ist alles wieder ganz gut verheilt. Mein Bein ist immer noch dick, aber das sei nicht schlimm sagt der Tierarzt. Das bleibt vermutlich so.
Mir geht es wieder besser. Ich werde wieder geritten und bin ganz brav. Ich leide still. Der Rücken tut mir immer noch weh. Und auch die Gelenke. Der Fesselträger trägt mein Bein nicht mehr so gut wie früher. Aber ich kann es ganz gut kompensieren. Die Menschen merken es kaum.

Ich leide still…

Und dann kommen eines Tages wieder andere Menschen. Ich soll wieder weitergereicht werden. Ich verstehe es nicht. Was habe ich jetzt wieder falsch gemacht??
Meine Besitzerin erklärt den anderen Menschen, dass sie es einfach nicht mehr schafft mit mir. Die Zeit fehle ihr. Aber ich sei ganz brav! Man könnte doch alles mit mir machen.

Die Menschen unterhalten sich einige Zeit und ich stehe in meiner Box und höre zu.
Dann werde ich herausgeholt von einer fremden Frau, sie wird Katrin genannt.

Katrin fragt meinen Menschen, warum denn mein eines Bein so dick sei?
„Ach das ist nur Galle. Das hat der Tierarzt abgeklärt. Da ist nichts.“

Katrin schaut mich an und wirkt ganz traurig. Sie hebt meine Hufe hoch und ich fühle, dass sie noch trauriger wird.

Dann fragt Katrin: „Warum hat er diese Eisen? Hat das einen Grund?“
„Ja“ sagt mein Mensch, „er brauche diesen Beschlag auf jeden Fall.“

Katrin geht um mich herum und fasst mich vorsichtig an. Dann plötzlich flüstert sie mir ganz leise ins Ohr und da höre ich das erste Mal:  
„Du hast gelernt stumm zu leiden... Ich sehe deine Schmerzen und ich höre deine stummen Schreie. Es tut mir so unendlich leid.“
Gibt es sie doch, die Menschen, die meine stummen Schreie hören können?

Dann gehen wir in die Reithalle. Katrin führt mich. Ich folge ihr ganz brav.
In der Reithalle machen wir ein bisschen Bodenarbeit.

Dann höre ich Katrin mit der anderen Frau die mitgekommen ist wieder ganz leise flüstern.
„Er hat unendliche Schmerzen. Er lahmt und keiner sieht es. Seine Muskeln sind ganz hart und verspannt. Erlernte Hilflosigkeit. Hast du seine Hufe gesehen? Das ist ganz schlimm…“ Dann weinen beiden Frauen ein bisschen.

Wir gehen zurück zu meinem Menschen. Dann sagt Katrin: „Seine Hufe sind wirklich schlimm. So kann er kaum laufen. Er lahmt und kann kaum Gewicht auf die hinteren Beine aufnehmen. Seine Muskeln sind ganz verspannt. Ihm geht es nicht gut.“
Mein Mensch ist ganz verwirrt und versteht nicht, was Katrin gesagt hat.
„Wieso? Das verstehe ich nicht. Er läuft doch! Gestern war noch der Bereiter da. Der hat auch nichts gesagt. So schlimm kann es doch gar nicht sein, dann würde er doch nicht so laufen.“

Katrin und die andere Frau schauen sich traurig an und schütteln die Köpfe.

 

Das ist meine Geschichte.
Wenn ich schreien könnte, dann würden die anderen Menschen meine Schmerzen vielleicht auch wahrnehmen. 


Meine Begleitung bei einem Pferdekauf aus Sicht des Pferdes

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Kommentare: 6
  • #6

    Claudia Mehnert (Dienstag, 16 Juli 2019 17:17)

    Ja das ist so , leider sehen die erfolgreichen Reiter nur " ihre" Erfolge aber selten das Leben mit dem sie die Erfolge erzielen . In der Dressur wie auch beim Springen werden Pferde einfach nur gequält . Der schöne Schwanenhals ist so untypisch und beschert dem Pferd schmerzen . Mächtigkeitsspringen , oftmals sind die Hindernisse größer als das Stockmaß der Pferde Im Galoppsport werden die Pferde viel zu jung verheizt . Es macht mich sehr traurig das man oft viel mehr Sorgfalt einem Fahrrad , mit dem man Rennen fährt , entgegen bringt als einem Pferd. Ich bin seit meinem 4 Lebensjahr geritten und das gerne aber seit dem ich den Turniersport kenne , Barren usw , habe ich die Stiefel an den Nagel gehangen . Heute kann ich stundenlang einer Herde Pferde zu sehen wenn sie auf der Weide all diese Bewegungen macht die der Mensch immer einfordert .

  • #5

    Nadia (Dienstag, 16 Juli 2019 14:06)

    Danke für Deinen Beitrag. Aus meiner Arbeit mit den Tieren und den Pferden, habe ich oft ähnliches erlebt. Schwer traumatisierte Pferde, die gefangen sind in ihrem Schmerz und in ihren Emotionen und nicht gesehen werden. Manchmal haben sie Glück, weil die Menschen, die zu mir kommen, bereit sind für Veränderung, oder solch eine Seele gerettet haben. Es wieder gut machen wollen, für das Leid, was sie bei einem anderen erleben wollten. Manchmal ist ihnen noch ein schönes Leben vergönnt...und manchmal bleibt nur noch der Tod als Ausweg...

    Mir zerreißt es oft das Herz...

  • #4

    Rena (Dienstag, 16 Juli 2019 13:05)

    Hoffe er hat einen Platz gefunden wo man es ihm noch ein wenig Leben zurück geben kann :-(

  • #3

    Brigitte (Dienstag, 16 Juli 2019 08:21)

    Puh hart zu lesen ...Aber so ist die Realität....traurig ....ich kann sagen ich mach es anders

  • #2

    Tanja (Samstag, 13 Juli 2019 14:13)

    Während des Lesens musste ich weinen und rührt daran, dass selbst wenn wir wissen, dass das Pferd leidet wir uns davor verschließen. Wir kennen die unschönen Bilder vom Abreiteplatz. Auch vom CHIO und......? Wir können nur mit unseren Füßen abstimmen ! Danke Katrin

  • #1

    Kerstin (Freitag, 12 Juli 2019 21:30)

    so wahr und so traurig...so oft gesehen...so oft gefühlt...so oft hilflos...so oft sind die Hände gebunden...so viele Worte so oft ins Leere gesprochen,nicht verstanden oder ignoriert...in der Pferdewelt ist es eigentlich ganz still und doch gibt es dort Orte,wo diese Welt entsetzlich laut ist,wo man selber Schmerzen empfindet ,wenn man sie durchschreitet...und dann geistert einem die Frage durch den Kopf "Warum?"...immer wieder und wieder...